Memorandum: Zuwanderung im Erzgebirge als Chance und Aufgabe begreifen

Ulrike Kahl, Kreisrätin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Erzgebirgskreistag

Ulrike Kahl, Kreisrätin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Erzgebirgskreistag

Im vergangenen Jahr hat der Erzgebirgskreis insgesamt ca. 2800 Flüchtlinge aufgenommen. Die Landkreisverwaltung rechnet zum jetzigen Zeitpunkt mit einer ähnlich hohen Anzahl, die 2016 unterzubringen ist. Schätzungen gehen davon aus, dass knapp 60 % der aufgenommenen und noch aufzunehmenden Flüchtlinge eine hohe Bleibeperspektive haben.

Immer wieder erleben wir, dass die Zuwanderer, sobald sie ein Bleiberecht erwirkt haben, das Erzgebirge verlassen und in größere Ballungsgebiete – vorzugsweise im Altbundesgebiet – ziehen. Doch gerade die ländlichen Regionen wie das Erzgebirge sind aufgrund des demografischen Wandels und vieler infrastruktureller Probleme bis hin zum akuten Fachkräftemangel auf Zuwanderung angewiesen. Hunderte Lehrstellen im Kreis bleiben derzeit unbesetzt.

Jüngsten Studien zufolge verliert der Landkreis weitere 60 000 Einwohner bis zum Jahr 2030. Dabei ist die Geschichte des Erzgebirges über Jahrhunderte hinweg von Einwanderung geprägt, nicht nur Exulantenorte zeugen davon.

Um zukunftsfähig zu werden, ist es unserer Meinung nach von essenzieller Bedeutung, dass wir eine besonders aktive Integrations- und Migrationspolitik betreiben. Der Ausbau einer Willkommens- und Anerkennungskultur wird entscheidend dafür sein, wie viele Migranten sich ein Leben in unserer Region dauerhaft vorstellen können.

Dabei kann gerade der ländliche Raum mit seiner Überschaubarkeit, seinem Wohnungsleerstand (und infolgedessen niedrigen Mieten), mit seiner Nähe des Zusammenlebens, den persönlichen Kontakten und vielen weiteren Vorteilen dieser Art der Sozialisierung eine gute Grundlage für eine gelingende Integration bieten. Die gesellschaftlichen Strukturen in kleinen Kommunen können in vielerlei Hinsicht ein höheres Integrationspotenzial aufweisen als die anonyme Großstadt.

Doch in der Vergangenheit haben Landkreis und Kommunen kaum etwas dafür getan, um die Zugewanderten in der Region zu halten. Dabei berührt das Thema Migration auch unsere klein- und mittelständische Wirtschaft, die Zukunft unserer Schulen, unseres Einzelhandels und unserer Wohnungsunternehmen.

Eine besondere Bedeutung im Integrationsprozess spielen aber auch Vereine und Kirchgemeinden, Hausgemeinschaften und andere zivilgesellschaftliche Akteure. Auf jene kommt die wichtige Aufgabe zu, neue Formen des Engagements und auf Migranten zugeschnittene Angebote zu erproben und zu erschließen.

Wir wissen sehr wohl, dass die Zuwanderer in Ballungsräumen gut selbst organisiert sind, dort die Möglichkeiten zur Religionsausübung und das kulturelle Leben vielfältiger, die Verdienstmöglichkeiten besser und die Jobangebote umfangreicher sind. Nicht zuletzt ist es auch das mangelnde ÖPNV-Angebot, welches die zumeist unmotorisierten Migranten in die Ballungsräume treibt.

Dennoch kann es im Erzgebirge gelingen, neue Strukturen, Netzwerke und Kommunikationsformen zu schaffen, die den Migranten eine gewisse regionale Verankerung und Lebensqualität bieten. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich die regionale Anerkennungs- und Willkommenskultur verbessert, dass Behörden, Bevölkerung und Unternehmen ihre diffusen Ängste und Befürchtungen ablegen und sich interkulturell öffnen.

Geben wir den jungen, zum Teil hoch motivierten Menschen ausländischer Herkunft die Möglichkeit, hier heimisch zu werden. Erkunden und schätzen wir ihren kulturellen Hintergrund, ihre Talente und Fähigkeiten. Geben wir ihnen Bildungschancen aller Art und lassen wir sie an unserem gesellschaftlichen Leben partizipieren. Schaffen wir die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen, die gesellschaftlichen Strukturen sowie ländliche Willkommensnetzwerke dafür!

Das Erzgebirge muss die Chance begreifen, die sich mit den Zuwanderern bietet, die einmalige Möglichkeit, die Folgen von Überalterung und massivem Bevölkerungsschwund zu mildern.

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